Warum wir heute dringender denn je in Bildung investieren müssen

Warum wir heute dringender denn je in Bildung investieren müssen

Warum wir heute dringender denn je in Bildung investieren müssen 606 340 Trendsformative

Bildungseinrichtungen gehörten zu den ersten Opfern der Pandemie, denn um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, wurden gleich zu Beginn Schulen geschlossen. Außerdem steht bereits jetzt fest, dass die Krise Geringqualifizierte unverhältnismäßig schwer getroffen hat. Massive Investitionen in Bildung sind daher heute wichtiger als je zuvor.

 

Wenn Schulen schließen, wächst die Ungleichheit

Damit sich das Virus nicht unter den Schülern ausbreitet, haben Schulen fast überall auf der Welt den Unterricht vorübergehend eingestellt. Auf dem Höhepunkt der Krise Ende April1 konnten 1,5 Milliarden SchülerInnen in 180 Ländern – 85 Prozent aller Kinder weltweit – keine Schule besuchen. Bis Mitte Juli 2020 waren es immer noch mehr als eine Milliarde SchülerInnen und damit 61% aller weltweit eingeschulten Kinder.

Im Eiltempo mussten Regierungen neue Bildungskonzepte entwickeln, die allerdings wachsende Ungleichheit zur Folge haben. Mehr als 90% aller Länder haben Fernunterricht eingeführt, entweder über Fernseh- und Radiosendungen oder über das Internet. Die reichsten Länder haben sich für digitale Bildung und Fernsehsendungen entschieden, die ärmsten mussten sich auf Radiosendungen beschränken. UNICEF2 geht davon aus, dass mindestens 463 Millionen Kinder weltweit (31% der Schulkinder) keinen Zugang zu diesen Bildungsprogrammen haben, unter anderem weil Familien nicht über entsprechende Geräte verfügen. So wächst Ungleichheit quasi automatisch. Wie schon bei früheren Epidemien3 haben Schulschließungen auch dazu geführt, dass einige Kinder gar nicht mehr zur Schule gehen.

Die meisten Kinder, die keinen Zugang zu Fernunterricht haben, leben in den ärmsten Ländern der Welt. Doch auch in reichen Ländern verschärft Covid-19 Ungleichheiten in der schulischen Bildung. Wie Opportunity Insights4 anhand von Schulnoten zeigt, ist die Kluft zwischen Kindern aus reichen und solchen aus armen Familien in den USA seit März deutlich gewachsen. Junge Menschen in einer Berufsausbildung waren stärker von Unterbrechungen betroffen als andere.

Verlorene Lernzeit und Schulabbrecher haben langfristige Folgen in Form von verlorenem gesellschaftlichem Kapital. Die Volkswirte der Weltbank5 beziffern die zukünftigen Verluste durch Schulschließungen während der Pandemie auf 10 Billionen US-Dollar (11% der globalen Wirtschaftsleistung im Jahr 2019). Diese Verluste fallen vor allem in armen Ländern und in benachteiligten Regionen an und verschärfen die Unterschiede. Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums der EZB, hat die Lage vor Kurzem so zusammengefasst: „Die beobachtete Dispersion des Lernerfolgs ist vor allem deshalb problematisch, weil dies dauerhafte Unterschiede im Humankapital nach sich ziehen und somit die Ungleichheit langfristig erhöhen kann.“

Die Krise trifft vor allem Geringqualifizierte

Heute wissen wir: Die Covid-Krise trifft sozial Benachteiligte härter als andere und verschärft dadurch die wirtschaftliche Ungleichheit in den Industrieländern. In den USA konnten Analysten der Federal Reserve6 nachweisen, dass mehr junge als ältere, mehr Frauen als Männer, mehr Schwarze und Latinos und mehr Geringqualifizierte als Hochqualifizierte ihre Arbeit verloren haben.

Bereits in früheren Rezessionen7 hat sich gezeigt, dass Geringqualifizierte ihre Arbeit häufiger verlieren als andere. Während der Rezession des Jahres 2020 war dieser Trend jedoch besonders ausgeprägt. So gesehen schützen Schul- und Universitätsabschlüsse tatsächlich vor Krisen. Nur müssen die Menschen auch Zugang zu Bildungsangeboten haben, wobei die damit verbundenen Investitionen in Bildung wegen der ökonomischen Krise unter Druck geraten können…

Welche Folgen hat die Wirtschaftskrise für die Bildung?

Mit dem Konjunktureinbruch werden die Steuereinnahmen deutlich sinken. Die ärmsten Länder müssen ihre Bildungsausgaben womöglich zurückfahren. Nach der Krise des Jahres 2008 hielten die meisten OECD-Länder ihre öffentlichen Bildungsausgaben zunächst stabil oder erhöhten sie sogar; erst in der zweiten Phase ab 2010 wurden Sparmaßnahmen wirksam. Nach Schätzungen der OECD haben ein Drittel ihrer Mitgliedsländer ihre Bildungsausgaben zwischen 2009 und 20107 gekürzt8. Wie aus derselben Studie hervorgeht, wurden die Lehrergehälter in 12 der 25 Länder, für die Daten verfügbar waren, zwischen 2009 und 2011 eingefroren oder gekürzt. Besonders drastisch gesunken sind die Bildungsausgaben in den ärmsten Ländern, die am stärksten von Entwicklungshilfe abhängig sind. Als Beispiele nennt die OECD den Tschad und Niger, wo die Bildungsausgaben zwischen 2009 und 2010 um 7% bzw. 10% zurückgegangen sind.

In den USA hat die wachsende Beteiligung der Bundesstaaten an den Bildungsausgaben die Auswirkungen der Rezession auf das Bildungswesen verschärft. Denn die schwierige Haushaltslage hat drastische Kürzungen unausweichlich gemacht. Einige US-Bundesstaaten übernehmen einen Teil der Kosten für die Arbeitslosenversicherung und werden daher noch in diesem Jahr in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Budgetkürzungen und Entlassungen Tausender Lehrer sind absehbar oder bereits Realität. Auch deshalb sind die laufenden Verhandlungen über weitere staatliche Konjunkturpakete von entscheidender Bedeutung für das amerikanische Bildungswesen.

In Europa sind die Haushalte für 2021 noch nicht verabschiedet, allerdings zeichnet sich im Moment ab, dass die öffentlichen Bildungsausgaben im kommenden Jahr eher steigen werden. Zum Teil ist hierfür die Finanzpolitik verantwortlich, denn auch im kommenden Jahr werden die Regierungen Europas an ihrem expansiven Haushaltskurs festhalten.

Beispielsweise werden die Mittel des französischen Kultusministeriums (Ministère de l‘Education) im kommenden Jahr um 2,7 Milliarden Euro auf 76,1 Milliarden Euro erhöht. Außerdem können Staaten neben Gesundheit, sozialer Sicherheit und Wirtschaft auch Bildung in ihre nationalen Konjunkturpakete aufnehmen. So investiert Frankreich 8,5% seines 100 Milliarden Euro schweren Konjunkturprogramms in die Weiterbildung von Beschäftigten und Arbeitslosen sowie in die Entwicklung von Bildungstechnologie.

Die deutsche Bundesregierung will ihre Bildungsausgaben im kommenden Jahr um 1 Milliarde Euro auf 40,3 Milliarden Euro aufstocken.9 Das deutsche Konjunkturprogramm mit einem Umfang von 130 Milliarden Euro enthält jedoch ebenfalls Mittel zur Finanzierung von Weiterbildungsmaßnahmen sowie zur Verlängerung des Schultages und die Entwicklung von Digitaltechnik für Schulen, darunter eine weitere Milliarde Euro für den Digitalpakt.

Andere Länder mit weniger finanziellem Handlungsspielraum sollen nach einem Vorschlag des italienischen Zentralbankgouverneurs Ignazio Visco ihre Bildungs- und Forschungsausgaben über europäische Fonds decken können. Visco hat der italienischen Regierung geraten, die Mittel des europäischen Wiederaufbaufonds für Infrastruktur und Ressourcen in Bildung und Forschung zu investieren.

Bildungsausgaben in Konjunkturpaketen

Bildung ist Ländersache und fällt nicht in den Aufgabenbereich der EU. Allerdings hat die EU-Kommission Forschung, Bildung und Innovation als Schlüsselfaktoren für den Aufschwung und den Schutz gegen zukünftige Krisen definiert. Im Rahmen des mehrjährigen Finanzrahmens (MFR) bzw. über das europäische Konjunkturprogramm Next Generation EU will die Kommission deshalb die Budgets für zwei europäische Bildungsprogramme aufstocken. Konkret geht es dabei um das europäische Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa und Erasmus +, das europäische Mobilitätsprogramm für Studenten. Noch laufen die Verhandlungen, doch Horizont Europa kann sich wohl auf eine Budgeterhöhung um 5 Milliarden Euro auf dann 80,9 Milliarden Euro einstellen, die durch das Konjunkturprogramm finanziert werden sollen. Erasmus + verfügt über ein Budget von 21,2 Milliarden Euro, das zwar um 3,4 Milliarden Euro unter dem ursprünglichen Vorschlag der Kommission, aber immer noch deutlich über den 14,7 Milliarden Euro für den Zeitraum von 2014 bis 2020 liegt.

Über Next Generation EU sollen außerdem weitere 8,2 Milliarden in den 2018 vorgestellten Aktionsplan für digitale Bildung fließen, der die Kenntnisse der EU-Bürger im Umgang mit digitalen Technologien verbessern soll.

Außerdem soll der Europäische Sozialfonds auch Ausbildungsprogramme zur Förderung von Beschäftigung und sozialer Integration finanzieren.

In Europa dürften die Ausgaben für Bildung zumindest kurzfristig stabil bleiben, zumal die Krise die Ungleichheiten in der Bildungskontinuität und im Zugang zu digitalen Technologien deutlich sichtbar gemacht hat. Genau diese beiden Themen, digitale Technologien und sozialer Zusammenhalt, sind dabei auch Schwerpunkte der Haushalts- und Konjunkturpläne.

In den USA war Bildung bereits zentraler Teil des CARES Act, des wichtigsten Konjunkturprogramms, das in diesem Jahr verabschiedet wurde, und dürfte auch bei weiteren Hilfsmaßnahmen eine wichtige Rolle spielen.

Im Rahmen des CARES Act hat die US-Regierung 30,7 Milliarden US-Dollar für Bildungsausgaben freigegeben, davon:

  • 13,2 Milliarden US-Dollar für K12-Schulen (vom Kindergarten bis zum Gymnasium)
  • 14 Milliarden für Universitäten
  • 3 Milliarden für US-Bundesstaaten, die die Gouverneure an besonders betroffene Institute verteilen können.

Der CARES Act verfolgt mehrere Ziele: Hilfe für Kinder aus benachteiligten Familien, Gesundheitsausbildung für Lehrer, Anschaffung notwendiger Ausrüstung zur Reinigung und Desinfektion von Gebäuden, Anschaffung von Technologien für Fernunterricht und besserer Internetzugang für Studenten und Lehrer. Über die Verwendung der Mittel für K12-Schulen entscheiden die Bildungsagenturen der Bundesstaaten (State Educational Agencies). Die Universitätsgelder werden dagegen direkt an diese ausgezahlt und sollen zu mindestens 50% zur Unterstützung von Studenten in finanziellen Schwierigkeiten verwendet werden.

Der neue Hilfsplan, über den das Repräsentantenhaus (nicht jedoch der Senat) am 1. Oktober abgestimmt hat, würde zusätzliche 208 Milliarden Dollar für Bildung enthalten, davon 175 Milliarden Dollar für K12-Schulen und 27 Milliarden Dollar für Universitäten. Der Gegenvorschlag von Finanzminister Steven Mnuchin sieht Bildungsausgaben in Höhe von 150 Milliarden Dollar vor. Die Schulen sind unbedingt auf weitere staatliche Unterstützung angewiesen.

Eine Erhöhung der Bildungsbudgets hängt jedoch davon ab, ob Regierungen ehrgeizige Konjunkturpläne verabschieden können. Viele Länder werden dazu in den kommenden Jahren kaum in der Lage sein, was die Ungleichheiten bei den Bildungschancen verschärfen würde. In Zeiten von Schulschließungen hat außerdem selbst innerhalb der Landesgrenzen die Bildungsungleichheit zugenommen, was vor allem sozial benachteiligte Gruppen wie Schüler und Berufsschüler spüren. Die Pandemie ist noch nicht vorbei, doch Investitionen in Bildung müssen weiterhin oberste Priorität haben, wenn die Wirtschaftskrise keine bleibenden Spuren in einer ganzen Generation von Schülern und Studenten hinterlassen soll.

— Bastien Drut und Juliette Cohen, CPR AM Strategists

Anmerkungen:
1. Weltbank. 2020. «World Bank Education and COVID-19.»
2. UNICEF, 26. August, “COVID-19: are children able to continue learning during school closures?”.
3. Während der Ebola-Krise in Sierra Leone ist die Schulabbrecherquote stark angestiegen, insbesondere bei Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren, die um 16% seltener zur Schule gehen. Durch den Erlass von Prüfungsgebühren und die Subventionierung des Sekundarschulunterrichts hatte die Regierung erfolglos versucht, ein Ansteigen der Abbrecherquote zu verhindern.
4. https://opportunityinsights.org/
5. „Learning losses due to COVID-19 could add up to $10 trillion“, Brookings, 30. Juli 2020.
6. Cajner T. et al., 2020, „The US labor market during the beginning of the pandemic recession“, NBER Working Paper 27159.
7. Hoynes H., D. Miller et J. Shaller, 2012, „Who suffers during recessions?“, NBER Working Paper 17951.
8. „What is the impact of the economic crisis on public education spending?“, Education Indicators in Focus, No.18 (2013). OECD
9. Deutsches Finanzministerium – Haushalt 2021 und Finanzrahmen 2021 bis 2024.